Thursday, July 30, 2009

So kommen wir durch die Werbekrise



Wir wissen nicht, wie viel Hyundai sich diese Explosion an interaktiver Kreativität bzw. kreativer Interaktivität hat kosten lassen. Die Anzeige oben erschien im UniSpiegel (spiegel.de) fast schon schamhaft versteckt in der rechten Spalte ganz unten. So erreicht man Zielgruppen wie mich, die nicht nach der Bilderstrecke (Ukrainische Studentinnen in Bikinis protestieren gegen Prostitution) in der Mitte aussteigen. Die Machart des interaktiven Flash-(!)Banners verheißt nichts Gutes über das Bild, das unsere Studenten bei dem erfolgreichen südkoreanischen Industriegiganten abgeben. Allein die Frage "Findest du deine Uni schön?" Ein Ursatz der interaktiven Werbesemantik, den sich jede kreative InteractionCrossmediaSocialWeb2.0-Agentur jetzt schon ins GoogleDoc-Poesiealbum des 21.Jahrhundert schreiben sollte, weil diese Frage, leicht abgewandelt, für breitbandigste Bestrahlung ja tiefenintensivste Penetration breitest fokussierter Zielnischen eingesetzt werden kann. Z.B. "Findest du deine Uni noch?" (Absolut Vodka), "Findest du dein Konto noch?" (Lehman Bros.), "Findest du dicke Melonen gut?" (Monsanto), "Findest du deine Muschi noch?" (Gilette).

Auch die Machart der grafischen Gestaltung (lässig schiefes Einkopieren des winzigen Produktbildes, verschmierte Komprimierung) deutet an, dass die Werber bei dem schönen deutschen Wort Augenmaß mittlerweile weniger den Oldschool-Blick für saubere Umsetzung erwarten als eher ein 5-Pixel-gerade-sein-Lassen alkopopverquollener Feierstudies.

Und dann, besonderes Zugeständnis an die Konsenzkultur unseres Landes und den neuen Trend im Internet meinungstark auf die Komplexität unserer Gesellschaft zu reagieren und dabei auch unter Wahrung des verschärften Datenschutzes an einer tollen Verlosung teilzunehmen, dann also ein Feuerwerk der Interaktivität, für das man den Flashplayer 10.0 nicht nur in seinem Browser, sondern auch in seinem Hirn installieren sollte: Die Auswahlmöglichkeiten "Ja" "Nein" und "k.A". "k.A" wie "keine Angaben", "keine Ahnung" oder "kannste Anklicken"? Wahrscheinlich alles zusammen.

Tuesday, July 14, 2009

Keyword-Porn bei welt.de



Betriebsunfall oder Erfolgsgeheimnis? Ausgerechnet in die Debatte über das Verhältnis von Zeitung und Internet, geführt auf www.welt.de, mischt sich die fünfte Gewalt in Gestalt des GoogleBots ein und schafft mal wieder groteske Fakten. Ob da welt.de Vize Romanus Otte mit "What would Google Do" unter dem Kopfkissen geschlafen hat oder einfach eine knackige Headline formulieren wollte, dem Adsense Roboter ist das egal. Wenn er die Headline "Offene Dreierbeziehung" liest, und im Artikel auch noch die Rede von der Liebe ist (wenn auch nur fetischhaft zur Zeitung), weiß er, was zu tun ist. Gelenkt durch künstliche, sprich kommerzielle Intelligenz mischt er schnell noch ein paar holprige Ads zur Partnersuche unter. Im Sprachamalgam aus zeilensparenden Verwertungszwängen und klickheischendem Rütlideutsch liest sich das dann wie die Betriebsanleitung für einen schwulen Terminator: "Mann verliebt machen. A-Z".



Das ist nicht neu. Es soll ja schon bei Nachrichten über Messerstechereien für Kampfmesser geworben worden sein. Wenn man allderdings den äußerst intelligenten Kommentar im so genannten Content-Ad (also mitten im Text) liest, wo von fachgerechter Grundwasserabsenkung die Rede ist, könnte man schon eine höhere Intelligenz vermuten, die uns schmunzeln macht. Betrachtet man das Panoptikum aus Kader Loth, Bilderstrecken mit Fake-Lebensmitteln und Nackten am Strand, das um Ottes Artikel herumgarniert ist, und mit dem der engagierte Onlinejournalismus heutzutage seine Klickzahlen aufbessert, kann man durchaus begeistert sein von dem überaus schönen und treffenden Bild einer geistigen Grundwasserabsenkung.



Aber damit noch nicht genug. In den Genstrang, mit deren Hilfe die gute alte Tageszeitung zur turbogeilen Klicksau mutiert, pflanzen die ivw-Farmer von welt.de noch ein paar Wachstumsgene aus dem Jurrasic Park von freenet und AOL ein. Dort hatte man schon 2001, völlig unbelastet durch sogenannten Qualitätsjournalismus, festgestellt, dass durch die Vorbelegung von Suchfeldern mit Suchbegriffen ein durch Reizbombardement und im Kreis verlinkte Bilderstrecken rückenmarksgeschwächter User vom Leser zum absolut willenlosen Klickgaranten umgepolt werden kann.


Online-Erfolgsgeheimnis: Offene Dreierbeziehung aus Premium Marke, Klowänden des Internets und Pornobox


Wir erinnern uns (trotz ADHS und Twitteritis), die Headline des welt.de-Artikels, um den es hier geht, war "Offene Dreibeziehung". Der Verwertungslogik der welt.de folgend wird passender Weise das Wort "porno" in die Suchbox im Header eingesetzt. Klar, während der schwule Terminator noch im 30S.-Gratis-Report "Mann verliebt machen. A-Z" nachliest, wie er diesen süßen CIA-Mann gefügig macht, soll sein Pendant aus Fleisch und Blut noch auf ein paar schmutzige Klicks bei der Stange bleiben. Da wir uns nicht vorstellen können, dass hier feinsinnige Germanisten wie Mathias Döpfner bei der verbalen Verdrahtung der Pornobox Hand anlegen, müssen wir diesen Einwurf wohl als weiteren googlebottigen Kommentar aus der Welt der Inferenzmaschinen deuten, der Online-Journalisten ermahnen will, sich bei aller Krisenhaftigkeit der Situation nicht noch weiter zu prostituieren. Vielleicht werden ja eines Tages, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche überholt hat (und das bestimmt nicht, weil die Computer immer schlauer werden), vielleicht wird dann das Contentverwurstungssystem bei Welt und Co. eines Morgens ausgeben: "I'm sorry Dave, I'm afraid I can't do that."



Der besagte Artikel findet sich unter: Offene Dreierbeziehung