Monday, July 28, 2008

iAM therefore iWAIT for my iPHONE

(Bitte warten Sie noch einen Augenblick! Dieses Blog wird gerade von jemand anderem gelesen, der vor Ihnen da war. Außerdem wird das für den schnellen Infokonsum so wichtige Teaserbild hier bewusst einmal unter dem Text angezeigt, damit sie sich erst durch die darin beschriebenen Warteschlangen durcharbeiten.)

Dass sich der Siegeszug des Kapitalismus der Ausdrucksformen des Sozialismus bedient, ist eine der seltsamen Paradoxien der so genannten Post-Postmoderne. Gerade das offensichtlichste Signum der Mangelkultur jenseits des Eisernen Vorhangs hat sich als prägendende Alltagserfahrung der "Sieger" in die seeligen Zeiten des Postsozialismus herübergerettet: Die Warteschlange. Und beim mehrfachen täglichen Schlangestehen wird da so manchem bewusst: Sieger sehen anders aus.

Warteschlange 1
Wie vor einiger Zeit der Kolumnist des Hamburger Stadtmagazins Szene so trefflich feststellte, ist Renditemanagement im Dienstleistungssektor vor allem Kundenschlangenmanagement. Täglich erfahrbar bei dem weltweit tätigen Powerlogistiker Deutsche Post. Hier hat man wie bei den Banken längst erkannt, dass die Rendite gigantisch sein könnte, wenn zwei nicht nur äußerst lästige, sondern auch noch unverschämt teure Störfaktoren des Geschäftsmodells endlich eliminiert werden können: die Angestellten und die Kunden. An der äußerst fragilen Schwachstelle des Angestellen-Kunden-Interface besteht Renditeoptimierung darin, genau so viel Schalterpersonal rauszuschmeissen, dass die in den dadurch immer länger werdenden Warteschlangen wartenden Kunden nicht anfangen zu meutern. Eine Alternative suchen und finden kann Oma Wuttke für den Brief mit dem 10 Euro-Schein an den Enkel ohnehin nicht. Denn die Handynummer vom Insolvenzverwalter der PIN-AG hat sie verbummelt. Außerdem hat sie keine Zeit die zu suchen, denn um 17 Uhr geht es weiter mit:

Warteschlange 2
Die ist in einer reichsten Städte des Kontinents im schönen Stadtteil Hoheluft keine 500 Meter von Eppendorf entfernt beim Bleichenbäcker. Dort bildet sich, weil ab punkt 17:00 die Restbestände an Brot und Brötchen zum halben Preis verkauft werden, schon gegen 16:30 zunächst eine Art Flashmob, der sich dann mit fortlaufender Zeit weniger durch die sich im Alltag manifestierende Weisheit der Massen, sondern eher durch das Faible der Hamburger für alles Britische zu einer schönen geraden Warteschlange selbstorganisiert. Völlig O.K., jeder spart wo er kann, und wenn die einzige Ressource ganz viel freie Zeit ist, kann sich das lohnen. Mein Problem damit ist, dass ich just zur Teatime Hunger auf die leckeren ofenfrischen Brötchen vom Bleichenbäcker bekomme. Leider muss ich, seit es diese Brötchen-Happy-Hour gibt, darauf verzichen, da es mir unmöglich ist, an der Schlange der Wartenden vorbei das letzte Ofenfrische für den horrenden regulären Preis von 30 ct wegzukaufen ohne mir dabei wie ein fieses Kapitalistenschwein und fühlose Heuschrecke vorzukommen. Kann sich in einer Zweiklassengesellschaft denn gar keiner mehr als Sieger fühlen. Yes, we can. Und zwar in:

Warteschlange 3
Die Amis machen es uns mal wieder vor. If you can't beat them join them. Daher kampiert man, notfalls tagelang, als Ausdruck des besonderes aufgeklärten Individualismus der westlichen Welt mit hunderten anderen gutgebildeten, hochindividualistischen Besserverdienern vor den Filialen des Elektrohändler Apple, um ein an einen 2-jährigen monopolistischen Knebelvertrag gekoppeltes Handfunktelefon zu erstehen. Die kleinen und großen Erlebnisse der Menschen in diesen Warteschlangen wurden rund um den so genannten iPhone-Day mangels anderer berichtenswerter Ereignisse (wie z.B. unser 'Erdöl ist bald alle', oder 'Immer mehr Amerikaner werden wg. der Immobilienkrise obdachlos') zum wichtigsten Medieninhalt (Mit Ausnahme des fleischgewordenen iPhones Barrack Obama). Das deutsche Pendant zur Erlösung durch Warten auf Elektrogeräte findet man in

Warteschlange 4
Hier wogen Anfang Juli in aller Herrgottsfrühe vor den ALDI-Filialen ineinandergewundene Menschenschlangen wie die Muselmanen um die Kaaba. Nicht nur weil die Lebensmittelpreise mal wieder anziehen oder die Milch jetzt doch wieder teurer wird, nein weil es dort ein sogenanntes Netbook im Gegenwert von 1330 Ofenfrischen (bzw. 2660 Ofenfrischen zur Happy-Hour) gibt. Wozu man das haben muss? Ist so nebensächlich wie der Gebrauchswert des iPhones. Hauptsache man hat es, und zwar indem man das Fegefeuer der Warteschlange durchgestanden hat. Tatsächlicher Nutzen eines Netbooks scheint es übrigens zu sein, damit in eigens dafür eingerichteten Webforen Tipps darüber auszutauschen, wie man den peinlichen Medion-Aufkleber wieder abbekommt. Hier zeigt sich im besten Sinne: Der Computer schafft die Lösung der Probleme, die durch die Erfindung von Computern entstanden sind.

Ich kann all diese Widersprüche nicht lösen für euch nicht (Bin ich Obama, oder was?) auch nicht für mich. Ich kann nur pragmatisch sein in dieser einen, der wichtigsten und letzten aller Fragen. "Wie bekomme ich den peinlichen Aufkleber von meinem Medion Netbook ab?"




Vielleicht so: iPhone kaufen, den Apple-Aufkleber aufs Netbook klatschen und sich dann mit den beiden Geräten zum Arbeiten in die Schlange beim Bleichenbäcker einreihen, um den anderen dort zu signalisieren. "Seht her ihr Müßiggänger, ich muss meine Brötchen sogar beim Schlangestehen verdienen!"

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