Tuesday, April 25, 2006

"Da drückt was auf das Stammhirn"
(Ein Leserbrief)

lauf lauf lauf

Folgenden Leserbrief musste ich heute an die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) schicken.

Liebe FAS-Redaktion,

zu den wenige Ritualen in meinem von der Globalisierung durchgerüttelten Wochenlauf gehört das Studium der FAS am Sonntagmorgen. Der sonntägliche Erscheinungstermin dürfte zum Erfolg ihrer Zeitung ein gerüttelt Maß beitragen, wer hat unter der Woche noch Zeit und Muße, längere Artikel und hintergründige Analysen zu lesen. Wichtigster Faktor des Erfolgs dürfte aber die hohe Qualität bei Recherche, Themenwahl und journalistischer Darstellung sein. Deswegen empfinde ich die FAS als wohltuenden Ruhepol in einem auf- und abschwappenden Meer von Ex-und-Hopp-Infotainment-Journalismus.

Als ich jedoch in der letzten Woche am Frühstückstisch in den Gesellschaftsteil hineinblätterte, fiel mir glatt das Brötchen aus dem Gesicht. Fassungslos starrte ich auf den Bericht?/Artikel?

Die Renner, Laufschuhe im Test


Ehrlich gesagt, musste ich noch einmal zurückblättern, ob nicht versehentlich Leseproben der letzten "Fit for fun", "Men's Health" oder ähnlicher mit der heißen Nadel gestrickten Dopinggazetten in meine geliebte FAS geraten waren. Auch eine Kennzeichnung "Anzeige" oder "Dauerwerbesendung" suchte ich vergebens.

Also machte ich mich an - Lektüre wage ich es nicht zu nennen - das Aufpicken der mir von Ihrer "Redakteurin" Barabara Mia Grofe hingeschmissenen Infohäppchen.

Eingeleitet wurde die beinahe halbseitige Leistungsschau der weltweiten Plastiktreterindustrie mit einem, nennen wir es Teaser, mit folgendem journalistischen Gehalt:

- In jedem Park und sogar auf dem Weg zum Einkaufen sind Jogger anzutreffen.
Aha.

- 17 Millionen Deutsche laufen.
Interessant.

- Jeder Fuß ist anders.
Das ist ja ein Ding.

Unausweichliche Schlussfolgerung der letzten Behauptung war dann, dass
ein mir bis dahin völlig unbekannter Oliver Heil, seines Zeichens Triathlet und Iron-Man-Teilnehmer aus Bad Nauheim "für uns" einige der neuesten Laufschuhe testen und kommentieren musste.

Was soll das? Sie sagen es in Ihrem Artikel ja selbst. "Jeder Fuß ist anders". Warum soll ich dann mit Zeit, Geld und unnötigem Altpapier dafür bezahlen, dass sich die Käsemauken eines gewissen Oliver Heil aus Bad Nauheim in einem Laufschuh XY von Firma A "wie in Watte gepackt" anfühlen.

Bitte richten Sie Ihre Bemühungen in Zukunft wieder verstärkt an meinen Kopf und nicht an meine Füße. Falls im Gesellschaftsteil zu viel Platz ist, "wiederholen" sie dort doch einfach ein paar der vorzüglichen Artikel von Stefan Niggemeier.

Mit freundlichen Grüßen


PS. Eigentlich wollte ich es nun gut sein lassen. Ich bin kein kleinlicher Mensch, aber da ich in der Journalistenausbildung tätig bin, hab ich mir das Artikelsurrogat doch noch einmal für meine Studenten etwas genauer daraufhin angeschaut, was ihn von einem echten Artikel unterscheidet. Es sind genau jene sprachlichen Merkmale und strukturellen Attribute, die den Häppchen-Journalismus der oben genannten Lifestylemagazine von richtigem Journalismus, der normalerweise in der FAS zu finden ist, unterscheiden.

1. Blähstil
Da ist zunächst der Blähstil, hier auch formal schön erkennbar an der Schriftgröße, die sich zwischen der einer Subheadline und der üblichen Artikelschriftgröße bewegt. Zwischengrößen sind ein ziemlich sicherer Indikator für mangelnde Substanz. Wer hat nicht schon durch "Tunen" von 12 auf 13 Punkt eine Seminararbeit auf die geforderte Seitenzahl "aufgeblasen". Inhaltlich entspricht diesem Verfahren das Aufblähen von ganz wenig oder sehr dünnem Inhalt durch Wiederholungen, lange Reihungen, umständliche Formulierungen oder Anreicherung mit Allgemeinplätzen.

Beispiel:
Absatz 1.
Gesagt:
"Sie sind überall. In jedem Park, beim Sonntagsspaziergang und auf dem Weg zum Einkaufen sind Jogger anzutreffen. Laufen liegt im Trend - rund 17 Millionen Menschen in Deutschland tun es regelmäßig. Nicht ohne Grund: Laufen stärkt die Muskulatur, das Herz und das Immunsystem."

Etwa gemeint.
17 Millionen Deutsche laufen regelmäßig und profitieren von den positiven Auswirkungen auf Muskulatur, Kreislauf und Immunsystem.


2. Emphase statt Logik
Weiteres Kennzeichen von Lifestylejournalimus ist die übertriebene Emphase ("flexibelste", "ganz wichtig" etc.) bei gleichzeitigem Ignorieren logischer Zusammenhänge und der Bedeutung von Adverbien und Konjunktionen. An die Stelle einer stringenten Argumentation tritt ein Pasticcio "gefühlter" Zusammenhänge.

Zur Illustration gehen wir einfach mal Absatz 2 satzweise durch.

"Laufen ist eine der flexibelsten Sportarten überhaupt."

Was soll das heißen? Und wieso "überhaupt"?

"Trotzdem muss die Ausrüstung stimmen."
Warum "trotzdem"?

"Besonders wichtig sind Füße und Gelenke, die beim Joggen das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts aushalten müssen."
Sind die Füße und Gelenke mit "Ausrüstung" gemeint?

"Ein guter Laufschuh dämpft den Aufprall und stützt den Knöchel".
Guter Satz!

Gemeint ist wohl.
Zum Laufen braucht es nicht viel. Unverzichtbar ist allerdings ein guter Laufschuh, der die Aufprallkräfte dämpft und die Knöchel stützt.


Noch auffälliger ist die logische Zusammenhanglosigkeit bei der Conclusio, die Absatz 3 einleitet.

Absatz 2 endet mit. "Letztlich hilft nur Ausprobieren. Denn jeder Fuß ist anders."

Daraus wird nun "geschlossen":
"Deshalb testete Oliver Heil für uns einige der neuesten Laufschuhe."

Die Tatsache, dass jeder Fuß anders ist, verweist ja schon auf die Sinnlosigkeit eines stellvertretenden Tests durch Oliver Heil und sei er ein noch so toller Athlet.

3. Sinnlose Tests
Womit wir beim dritten Merkmal des Livestylejournalismus sind: in "Infokästen" präsentierte sinnlose Tests. Sinnlos deshalb, weil subjektive Kriterien zu quasi objektiven Bewertungen geführt werden.

Zunächst wird aus der Fülle des Laufschuhangebotes ("es gibt alles") eine kleine Anzahl (hier 6 Stück) herausgegriffen, ohne dass die Kriterien klar sind. Dann werden, und das ist neu und ein Graus, Interviewschnipsel ("das finde ich echt unangenehm") mit Fachinformationen ("150 Euro") verschnitten, um schließlich in eine schulnotengleiche "Gesamtnote" zu münden ("befriedigend").

Ich hätte es wahrscheinlich auch kürzer sagen können, vielleicht in der Sprache von Frau Barbara Mia Grofe:


Der Knicker. Zeitungsrubriken im Test.

"Da drückt was auf das Stammhirn"
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (2,50 Euro) soll laut Hersteller informieren und erfreuen. Nach dem Brötchenschmieren blättert Eric Klepptenberger gleich in die Rubrik Gesellschaft. Der erste Eindruck? "Der Gesellschaftsteil ist so dünn, da spüre ich den Sachgehalt nicht mehr" findet Eric Klepptenberger. Und wie ist das Gefühl beim Lesen? "Da drückt was auf das Stammhirn" Das Quality Assurance Program von FAZ scheint nicht ganz zu greifen. Trotzdem - Werner findet: Die FAS ist mit Abstrichen eine der besten Zeitungen überhaupt. Gesamtnote: gerade noch befriedigend.


Mit freundlichen Grüßen, Ihr treuer Leser

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