Wednesday, March 15, 2006

Ultimativer Endspielfernseher

Kredit

Obwohl ich Herrn Dr. Henning Hintze wissentlich nie begegnet bin, muss ich einen verdammt abgebrannten Eindruck auf ihn gemacht haben. Denn seit Monaten malträtiert mich der umtriebige "Leiter Kundenservice" der norisbank per Post mit einem personalisierten"Auszahlungs-Schein" für einen "10.000 Euro"-Kredit. Im Kleingedruckten weist Herr Dr. Hintze darauf hin, dass mein "Wunsch-Betrag" "selbstverständlich" von den extrem groß gedruckten €10.000.- abweichen kann, was mich erst einmal beruhigt. Die Hartnäckigkeit des Dr. Hintze lässt mich dennoch befürchten, dass er eines Tages bei mir klingelt, sich durch den langen, engen Flur an mir vorbeischlängelt, um mir zehn druckfrische 1000-Euro-Noten auf den Küchentisch zu blättern, mit den Worten: "Da ist er endlich ihr "Wunsch-Betrag". Fair, flexibel, einzigartig. Jetzt holen Sie mal zack, zack Ihren Personalausweis und ihre letzte Gehaltsabrechung und das Geld gehört Ihnen. Schnell einfach und sicher. Oder wollen sie gleich 20.000?"

Bis zu diesem denkwürdigen Tag bleibt Dr. Hintze eine Art Brieffreund, der sich mit schöner Regelmäßigkeit in Erinnerung ruft. Im Unterschied zu meinen anderen Brieffreunden enthalten seine Briefe allerdings wenig der üblichen Briefreund-Fragen: Wie geht's? Was machst du so? Was sind deine Wünsche? Ganz im Gegenteil bedient sich Herr Dr. Hintze eher massiv der Ausrufezeichen, um mir seine Vorstellung von meinen Wünschen, die sich bei ihm alle um meinen Wunsch-Betrag drehen, vorzustellen. Das liest sich dann so:

Wünsche erfüllen! Ganz einfach mit easyCredit
Sehr geehrter Herr Klepptenberger,

der Winter steht vor der Tür!



Mit dem Heraufziehen der kalten Jahreszeit sieht Herr Dr. Hintze folgendes für mich vor. Das knappe Jahrzehnt, das ich mich nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad bewege, sollen in diesem Winter für mich endlich vorbei sein. Fordert Dr. Hintze doch apodiktisch:

Der Winter steht vor der Tür! Höchste Zeit, sich ein zuverlässiges Auto anzuschaffen.


"No Way. Dr. Hintze! Ich habe mir erst vor drei Wochen ein neues Fahrrad gekauft. Was soll ich da noch mit einem Auto?"

Hintze ist nicht blöd. Um seinen Wunsch-Betrag an den Mann zu bringen, hat er gleich eine Alternative parat. In der Kundenservice-Logik des Dr. Hintze: "So ein Typ, der kein Auto hat, der sitzt bestimmt ständig zu Hause rum und starrt den ganzen langen dunklen Winter in Erwartung der Fußball WM auf seine gammeligen Möbel." Und weiter in der Logik des Dr. Hintze. "Ein Mensch, der mit 41 Jahren kein Auto hat, der sitzt bestimmt auf der alten Schlafcouch, die er noch aus dem Studium hat und glotzt TV auf einem winzigen 42cm-Fernseher."

"Bingo Dr. Hintze. Nur so ein alter Fuchs mit Ihrer Menschenkenntnis konnte bei der norisbank zum "Leiter Kundenservice" aufsteigen. "

Vor dem Hintergrund der obigen Überlegungen lässt Dr. Hintze einen alternativen Heilsplan für mich aufscheinen. Diesmal, wie es ein guter Brieffreund tut, in Form einer unaufdringlichen Frage.


"Oder wollen Sie sich schon mal häuslich auf die Fußball-WM einrichten, mit einem neuen Wohnzimmer und dem ultimativen Endspiel-Fernseher?"



Bisher habe ich meine Wohnzimmereinrichtung nicht von periodisch auftretenden Sportereignissen abhängig gemacht, außerdem habe ich an Fußball kaum Interesse. Aber der Vorschlag des guten Doc Hintze hat Charme. Wer hätte nicht gern ein schönes Wohnzimmer? Einzig die Vorstellung von einem "ultimativen Endspiel-Fernseher" macht mir etwas Angst. Das klingt so nach Endsieg und ZDF-Reportagen aus den Führerbunker, wenn man so etwas auf einem derart dedizierten Gerät überhaupt gucken kann.

Solche schwächlichen Grübeleien haben in der Marketingwelt des Dr. Hintze einfach keinen Platz. Denn der Wunsch-Betrag ist, ob ich es nun will oder nicht bereits für mich vorgemerkt. Und im Unterschied zu mir, der sich angeregt durch die Vorschläge des Dr. Hintze ein paar Gedanken darüber macht, ob die alte Schlafcouch nicht doch bald mal auf den Sperrmüll sollte, wird bei Dr. Hintze nicht lange gefackelt, wenn es um Entscheidungen geht, die bei ihm folgerichtig als "Sofortentscheidung" daherkommen.

Nach der ausführlichen Darstellung, wie ich persönlich, per Internet oder per Post an meinen Wunsch-Betrag komme, zieht Hintze noch einmal die letzen Register des wirklich guten Brieffreundes, dem obwohl wir immer beim "Sie" geblieben sind, mein Glück ein Herzenswunsch ist. Hierbei bekommen die Ausrufezeichen das Flehentliche eines "Spring nicht!" das durchdrungen ist, von dem tiefen Wissen, das selbst das armseligste Dasein sich durch den Wunsch-Betrag des easyCredit zu einem erfüllten Leben verändern kann.

Hintze:
"Leben Sie jetzt, Herr Klepptenberger!"


Obwohl man einen Brief kaum stärker, als mit dieser Aufforderung beenden kann, weiss Dr. Hintze aus seiner langjährigen Erfahrung als Sinn stiftender Briefeschreiber, um die Wirkung eines gekonnten Post-Scriptums.

PS: Bescherung in Ihrer Filiale. Holen Sie sich den easyCredit mit Sicherheitsgurt bis zum 16.12.2005. Dann erwartet Sie eine besondere Überraschung.


Ich kann es kaum erwarten, dem Menschen in Persona gegenüber zu treten, der per Sofortentscheidung mein Leben so viel besser im Griff hat, als ich es je hatte. Doch frage ich mich noch, was Dr. Hintze mit dem "Sicherheitsgurt" meint. Dazu später mehr. Verweilen wir noch ein wenig beim Post-Post Skriptum meines Wohltäters, denn zwischen den Aufruf, jetzt zu leben und der Fußzeile des Briefes, wo die Namen der Vorstände der norisbank aufgelistet sind, hat Hintze als Zeichen seiner Bescheidenheit besonders klein gedruckt folgenden Satz eingerückt, der Menschen wie mich, die vor dem Eintreffen der Epistel des Dr. Hintze keinen einzigen Gedanken an den persönlichen Wunsch-Betrag verschwendet haben, zutiefst beschämt.

"Wenn Sie künftig unsere interessanten Angebote nicht mehr erhalten möchten, können Sie der Verwendung Ihrer Daten für Werbezwecke widersprechen."


Ich bitte Sie, Dr. Hintze! Keinesfalls will ich Ihnen widersprechen. Bitte schicken Sie weiter, von mir aus gerne täglich weitere Ideen zu möglichen Wunsch-Beträgen und wenn Ihre Zeit es erlaubt, gleich ein paar Vorschläge für die passenden Wünsche dazu. Und geben Sie mir durch mehr Ausdrücke, wie "einfach, sicher und schnell", "Fair - Flexibel - Einzigartig" und "Samstag ist Beratungstag!" das Gefühl, dass da draußen wenigstens einer ist, der weiß, wo es lang geht.

Bleibt noch die Frage mit dem Sicherheitsgurt. Dazu wurde ich auf dem beigefügten "blauen Auszahlungswunsch", nicht zu verwechseln mit dem "grünen Auszahlungs-Schein", fündig. Hier zeigt Dr. Hintze, ich muss gestehen, dass ich ihn im Stillen bereits Henning-Jesus Hintze nenne, Weitblick über die Spanne meines Erdendaseins hinaus. Während ich nach seinem Aufruf, jetzt zu leben, dem Diesseitigen zuwende, denkt Henning-Jesus Hintze weiter. Was er in seinem Anschreiben so bildhaft als Sicherheitsgurt bezeichnet hat, entpuppt sich im Kleingedruckten des "blauen Auszahlungwunsches" als vierfach gestaffelte Versicherung gegen, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit und sogar den Todesfall.

Beschämt sinke ich in den Staub. Während ich doch schon in Gedanken auf meiner neuen Couch sitze und in der Gegenwart des ultimativen Endspiel-Fernsehers endlich im Jetzt zu leben beginne, verschwende ich natürlich keinen Gedanken
daran, was passiert, wenn ich angesichts des so intensiv gesteigerten ja ultimativen-Endspiel-Lebens plötzlich einen Herzinfarkt erleide. Ohne Henning-Jesus' Versicherung bliebe mir einzig, mich im Fegefeuer zu grämen, ob des vertanen Lebens: Jahrzehnte lang ohne zuverlässiges Auto, nicht im Jetzt, sondern in einem völlig veralteten Wohnzimmer mit Minifernseher gelebt zu haben und dann auch noch den Wunsch-Betrag wegen vorzeitigen Ablebens nicht zurückgezahlt. Also her mit dem "Sicherheitsgurt" und auch, wenn es sich seltsam liest, sofort angekeuzt bei:

Ja, ich wünsche eine Credit-Absicherung gegen Todesfall.


PS.
Ich war schon fast fertig mit dem "blauen Auszahlungswunsch" als mein Blick noch einmal auf die Rückseite des "grünen Auszahlungs-Scheins" fiel. Dort befand sich ein Foto, dass mich nun wieder nachdenklich stimmte, ob des Bildes (siehe oben), das Dr. Hintze von mir hat. Welche Rolle ist mir auf diesem Foto zugedacht. Die des völlig degenerierten Kotelettenmannes im Vordergrund, der sich in Ringelsöckchen und einem billigen Karstadt-Grobripppullover ohne Rückgrat wie ein Wurm auf dem neuen Sofa fläzt. Oder der des unrasierten Hallodris dahinter, der sein Bein wie zur Untersuchung durch den Urologen über die Sofalehne hängen lässt.

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