Sunday, March 19, 2006

Nirvana im Doppelkarmabeutel

Sonne des Buddha

Das Universum dehnt sich aus und logischerweise wächst damit allerorten die Leere. Wir spüren das. Vom ausgebrannten Top-Manager in der Rehaklinik Heiligendamm ("Ich fühle mich manchmal so leer") bis zum Punk am Hauptbahnhof Münster ("Ey, die Flasche, war gerade noch voll, jetz iss voll leer, ey.")

Die Astronomen sagen, wir müssen die zunehmende Leere als Grundtendenz eines sich ausdehnenden Universums akzeptieren. Das Haus TEEKANNE hingegen will sich auf keinen Fall mit dieser Entwicklung und seinen Folgen für den Psychohaushalt des deutschen Verbrauchers abfinden. Dementsprechend wirft man bei TEEKANNE ständig neue Produktreihen auf den ebenfalls endlos expandierenden Markt der Aromatees. Noch vor ein paar Jahren wurde dieser beherrscht von ein paar abgebrochenen Germanistikstudenten, die in schummrigen Teeläden Zimt und Apfelschalen unter den altem Assam rührten, um den Mix dann als Weihnachtstee zu verkaufen. Ebenfalls beliebt war das Zusammenkippen der staubigen Reste aus der Brombeerteedose mit den Hagebutten. Schon war er fertig, der "Schietwettertee".

Heute im Zeitalter industriell fabrizierter Wellness und Ayurveda nach ISO 9000 sieht das Erfolgsrezept für einen Blockbuster-Aromatee anders aus:

Man nehme Teegesträuch von einem indischem Bahndamm, mische reichlich Gestrüpp von den Wegesrändern internationaler Landstraßen hinzu, z.B. Honeybush, versetze das Ganze mit dem aufdringlichsten Puffdüften aus den Labors der großindustriellen Aromaprostitution und gebe noch ein paar Mikrogramm von irgendetwas hinzu, was irgendwie gesund klingt, z.B. Ingwer, oder nach einem von Hildgard von Bingen überlieferten Geheimkraut zur Linderung von Menstruationsbeschwerden, sagen wir mal: Verbenenkraut.

Klingt schon scheusslich genug, doch die wichtigste Ingredienz des neuzeitlichen Aromatees befindet sich nicht in, sondern auf der Verpackung. Es ist eine irgendwie wellnessig, new-agig klingende Benamsung, in unserem Falle:

"SONNE DES BUDDHA"

Bei TEEKANNE geht der Griff also gleich ganz nach oben ins Regal kultureller Sehnsüchte und für alle, die diesem Höhenflug nicht folgen können, oder sich nicht zu fragen trauen, wie "SONNE DES BUDDHA" wohl schmecken mag, setzt man auf die Schachtel ein vielsagendes: "MILD-FRISCH".

Was soviel weiterhilft wie der Zusatz: "WARM-NASS".

Auf der Rückseite der Packung mit den 20 Doppelkammerbeuteln geht es dann ins Detail, sprich noch weiter ins allerblumigste Allgemeine. Und das liest sich dann so:




"TEEKANNE Sonne des Buddha nimmt Sie mit auf eine genussvolle Gedankenreise in die sinnlich-mystische, abenteuerliche Welt Asiens. Mit allen Sinnen spürt man die Mystik, die Weisheit und die innere Gelassenheit dieser fernöstlichen Welt."



Wieviel Liter des Gebräus mag man den Tee-Textern wohl eingeflößt gehabt haben, bevor sie sich diesen Aufguss aus Fernostklischees und Vokabeln eines geistigen Pauschaltourismus aus den Nieren gequetscht haben? Man kann sich gut vorstellen, mit wie wenig innerer Gelassenheit dieser Textkrampf in endlosen Marketingrunden bei TEEKANNE diskutiert wurde, wo man wohl darauf bestanden hat, dass das Gebräu wirklich alle Defizite des tristen Alltagsdaseins zugleich kurieren muss. Man wollte eben die ultimative Wunderdroge für all diejenigen, die ihre mystischen Erfahrungen normalerweise mit dem Darm machen und die unter Sinnlichkeit das Gefühl verstehen, wenn sich die Plauze von Massen fett- und salzhaltiger Discounterlebensmitteln spannt.

Da ist sie also: die Erleuchtung aus dem Doppelkarmabeutel. Und seine Propheten lesen sich so, als hätte ihr Buddha nicht unter dem Bodhibaum, sondern tagelang in der prallen Sonne meditiert. Das Hirn dieser Instantbuddhisten hat man in der Sonne des Buddha gleich mitgedorrt, und das entstandene Vakuum unterm Schrumpfscheitel mit dem Stroh des Honeybush, dem abgedroschenen Lemongras und den Stielen und Stengeln der Lemonmyrthe aufgefüllt, damit es beim Tee in den Kopf schütten nicht so hohl plätschert.

Ach ja, wie das Zeug schmeckt? So irgendwie MILD-FRISCH, auf jeden Fall WARM-NASS. Präziser? Ungefähr so wie eingeschlafene Füße beim Meditieren.

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