Friday, May 25, 2012

Der FCB zum Cup sagt: Ne!



Jahrelang hat sich Günter Grass Abend für Abend vor dem Fernseher einen Schoppen nach dem anderen reingeknallt und einfach nix mehr auf die Reihe gekriegt, bis ihn sein Namensvetter Günter Wallraff als verkleideter farbiger Schornsteinfeger auf den Trichter brachte, wie man sich an jeden neuen Hype öffentlichkeitswirksam dranhängt. Seither betextet Grass vom Gazastreifen bis zur Griechenpleite alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Hier schon mal ein exklusives Leak aus der Ideenkiste des kregelen Nobelpreisträger, der einfach keine Zweitklassigkeit erträgt.  Günter Grass zum Versagen des FCB beim Finale dahoam:


Der FCB zum Cup sagt ne!

Ganz Monacco war auf zacko
Statt Sym-Phonie am Ende Kako.

Das Land von Alpenrahm und Phillip Loahm
Freute sich auf das Final' dahoam
Das Spiel war schnell und schnell vorbei
Nach Stunden fehlt ein Tor zur zwei.

Verlängerung Elfmeterschießen
vor Neuers Tor schon Lorbeer sprießen
Der Manuel macht den Elfer rein
Zu seinem sagt der Basti: Nein!

Was zuckt das Bein? Der Steiger bockt?
Schon wieder FCB verzockt!
Da hilft kein Schrein, kein Grazia plena
in der Larmoyanz-Arena

Zum Tiergeheul die Vox humana
mutiert im Staate Bavariana
Am Stacchus tote Lederhose
Statt Schampus, Bier aus Aludose

Der Franz zum Ulli: S'is net schee
Der Ulli seufzt: Nu Franz, ah geh.
Des is net droagbar, sagt der Franz
Das zahlt uns nicht mal Allianz

Na schau mer mal, a Moaß, ma pronto
Fußball ist kein Festgeldkonto
A geh nu Ulli, lass uns saufen
Und Montag tust den Drogbar kaufen.

Sie kippen sich die Maße rein
Nichts scheißiger als zweiter sein

Sunday, January 31, 2010

Frank Schirrmacher - Phrasen Shuffle im Half-Check-Modus


Ein großes Problem der FAZ ist, dass sie Herrausgeber und "Halb-Checker" Frank "Singletasking" Schirrmacher immer wieder kostenlos ganzseitige Werbeflächen für die Promotion seiner Einthesenbücher einräumen muss. Im Zeit-Magazin waren die letztgültigen Weltdeutungen des Helmut Schmidt gewissermaßen als letzte Zigarette ganz hinten im Heft zu finden. In der FAZ am Sonntag muss, wann immer die Buchabsätze des Herausgebers stocken, gleich die erste Seite des Feuilletons leergeräumt werden. Auch wenn - im Unterschied zu Aldi - nach dem Leerräumen nicht allzu viel wieder reingeräumt wird.

An diesem Sonntag hängt sich Schirrmacher, der iPod Shuffle unter den deutschen Medienphilosophen, aufmerksamkeitsökonomisch clever an die Präsentation des iPads. Und wie immer, wenn im technologiefeindlichen deutschen Feuilleton die Gedankenentwicklungswerkzeuge unzuläglich sind, greift man zum bewährten, Trick: Ist der Bohrer nicht besonders dick, dann lass ihn besonders lang erscheinen. So auch bei Schirrmacher, in dem das "irgendwo"-Unbehagen an dem ganzen Computerkram hinter pompösen Wortfassaden gärt, die nach außen simulieren, dass hier im Unterschied zu den verrückten Computernerds einem Stardenker ein ganz tiefer, philosophischer Zugang zu den Dingen gegeben ist. In Wirklichkeit drückt Schirrmacher gleichzeitig auf ganz viele dicke gelbe Tasten seines Wortlerncomputers (z.B. "endemisch"), bis auf dem Bildschirm reihenweise Fehlermeldungen erschienen.

Und so sehen sie auf der Kommandozeile aus, die Fehlermeldungen des auf Hochtouren im "verbosen" Halfcheck-Modus laufenden Frank-Schirrmacher-Phrasen-Shuffles (kurz fsps):

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 "Computer"
Fehlermeldung: "Computer sind die Matrix fast jeder privaten und staatlichen Kommunikation der Gegenwart."

Oder mit eingeschaltetem Marschall-McLuhan-Phrasen-Präprozessor:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.5 -mmpp+ "Computer, Denken"
Fehlermeldung: "Computer sind einzigartige Innovationsantreiber, weil was mit ihnen geschieht, immer auch mit dem Denken geschieht."


Oder mit Viertelcheck-Einstellung:

Eingabe: fsps -verbose -check=0.25 -mmpp+ "iPhone, Aufmerksamkeitsökonomie"
Fehlermeldung: "Aber es könnte sein, dass das Plebiszit des Marktes - wie schon beim iPhone - der neuen Aufmerksamkeitsökonomie und der inhärenten Ideologie des Geräts zum Triumph verhilft."


Erfahrene Developer wissen, wie man diese Fehlermeldungen, die einen Großteil des FAZ-Artikels ausmachen, dahin lenkt, wo sie hingehören: ins Nulldevice. Um so schneller kann man sich dann ein Bild davon machen, was als lauffähiger Code überbleibt. In diesem Fall nicht viel.

Der Spaghetti-Code hinter dem Content Mockup
Der Zusammenhang von Technologie, Ökonomie und Gesellschaft ist nicht einfach, daher sollte ein guter Gedanken-Entwickler gerade dann, wenn er nur einen untertakteten Single-Thread-Prozessor zur Verfügung hat, bei vertrackten IF-THEN-Konstrukten dem vorzeitigen Gebrauch von abkürzenden GOTO Anweisungen widerstehen. Leider wimmelt es davon im Spaghetticode des Frank Schirrmacher. So entstehen zeilenweise Gedanken-Kurzschlüsse wie:

- Computer basieren auf Befehlen und wurden im militärischen Kontext erfunden, DAHER fördern sie totalitäres Denken.
- Weil das iPad kein Multitasking kann, werden wir alle entmündigt.
- Weil das iPad keine Tastatur hat, wird es keine Blogs mehr geben.

Alles in allem erinnert Frank Schirmachers Beitrag stark an sogenannte Software Mock-Ups. Ein Mock-Up ist eine zu Präsentationszwecken entwickelte, weitgehend vollständige Benutzeroberfläche eines Computerprogramms oder einer Website -ohne dahinter befindliche Funktionen. Klickt man bei einem Mockup auf ein Bedienelement, passiert entweder gar nichts, es erscheint eine Fehlermeldung oder es gibt gar einen Programmabsturz.
Die Ausbildungsredaktion der FAZ sollte ihre angehenden Content-Compiler ruhig ermutigen, öfter einmal auf die Oberflächenelemente des Herausgebers zu klicken, um festzustellen, was dann passiert.
Klick-Vorschläge:
"Der iPad könnte eine Verwaltungsreform der digitalen Welt mit erheblichen Konsequenzen signalisieren."
"Kontrollverlust des Einzelnen durch den digitalen 'Overmind'"
"Das Werkzeug verändert das Denken."

Weitere Anzeichen dafür, dass ein Mock-Up und kein genuiner geistiger Beitrag vorliegen könnte:

- Gebrauch von "irgendwo"
- Abgeschmackte Seitenhiebe auf Microsoft
- Monumentalthesen, die mit "es könnte sein" eingeleitet werden
- Das Erwähnen anderer Halbdenker, die auch gerade ein Nullthesen-Buch zum gleichen Thema herausgebracht haben, z.B. Jaron Lanier
- Das Zitieren ganz vieler "legendärer" oder "vielgelesener" Blogs und "brillanter Informatiker", weil die eigenen Gedanken trotz umständlicher Substantivierung dann doch nicht für eine ganze Zeitungsseite ausreichen.


If you cant' join them, beat them
Bei Frank Schirrmacher kommt aber noch eine weitere Mock-Up-Motivation hinzu: Die Verwendung von Artikelsimulationen für peinliche Retourkutschen. In diesem Fall an den Stern-Journalisten Dirk Liedtke, den er ausführlich inhaltsloser Interviews bezichtigt. Liedtke hatte Frank Schirrmacher in einer Nachbetrachtung zur DLD-Konferenz in München im Januar als "Halb-Checker" bezeichnet. Was ja noch geschmeichelt ist, da Frank Schirrmacher in seinem letzten Buch "Payback" gerade das Nicht-Checken zum Geschäftsprinzip erhoben hat. Seit Jahren quälen uns die Verlierer der Digitalisierung mit ihren Büchern, indem sie clever ein diffuses Unbehagen an der digitalen Kultur aufgreifen und in 17,95-Euro-Bücher umtexten, für die jede Menge unschuldige Bäume ihr Leben lassen müssen. Die wahre Verheißung der digitalen Welt ist doch nicht, dass wir bald jede beliebige Information kostenlos (free as in beer) konsumieren können, sondern, dass wir ganz schnell, ganz viel überflüssige Informationen absolut rückstandsfrei (free as in CO2-free) eliminieren können, ohne dass wir Bücher verbrennen müssen.

Friday, October 16, 2009

No Future for Business Punk - Das leise Scheißegal der Businessmännchen


Business Punk

"Es besteht kein Zweifel, dass sich heute Industrie und Handel in einer besonders schwierigen Situation befinden. Aus ihr herauszuhelfen, ist auch die Absicht dieser Arbeit; obwohl sie weniger auf die Nöte der Unternehmer als auf die der Angestellten eingeht." Dies schrieb 1929 Siegfried Krakauer in der Einleitung zu "Die Angestellten". Die Nöte der Angestellten sind 80 Jahre später nicht weniger geworden, die Remedien, die auf diese Nöte eingehen, allerdings infantiler, eskapistischer, durchdesigneter. So liefert G+J dieser Tage mit Business Punk eine schöne psychologische Studie über die zerstörte Innenwelt des heutigen Businessmännchens ab. Und die sieht so aus.

Das leise Scheißegal

Der Grundgedanke von Business Punk wird im "Dossier Andersmachen" (S. 24ff.) erklärt: Punks machen für Geld den Affen für Touristen. Das ist die ganze Idee. In der Realität der Business Punk-Zielgruppe heißt das: Angestellte machen den Affen für den Arbeitgeber. Und weil dieses so schwer erträglich ist, hat sich seit den frühen Tagen der Angestelltenkultur eine ganze Traumwelt-Industrie um die Nöte der Angestellten herum etabliert. Neben dem endlosen Strom von Pflegeprodukten für die von den zentral gesteuerten Klimaanlagen ausgedorrte Bürohaut gehören dazu auch "geistige Inhalte..., die wie Medikamente eingeflößt werden (Krakauer)". In Business Punk sind das, Ersatzheldengeschichten, Mythisierung von Überstunden und schwüle Sekretärinnenphantasien.

Unter hohen Design-Aufwand darf man in Business Punk teilhaben an der "Busenstrategie" von Richard Branson, der Frisur von Donald Trump und den Adiletten von Facebook-Gründer Zuckerberg. Und es bedarf keiner tiefenpsychologischen Textanalyse, wenn es am Ende dieser auch typografischen Tour de Force durch die Traumwelt der Businesspunks entlarvend heißt: "...es beginnt mit einer inneren Haltung. Mit dem leichten Aufbegehren, der inneren Unruhe, dem leisen Scheißegal" (S.30). Und damit das "leise Scheißegal" nicht zu laut wird, präsentiert Pleite-Opel auf der folgenden Werbeseite als Inbegriff des Punks den neuen Astra, inklusive Fahrersitz mit Gütesiegel "Aktion gesunder Rücken" (für die "innere Haltung"), und für die Triebabfuhr beim ersten Anfall von leichtem Aufbegehren findet der Business Punk auf Seite 141 das Computerspiel "Saboteur".


Abwesende Väter - Männer-Stickarbeiten als Spätfolgen
Die Geschicke unseres Landes wurden Jahrzehntelang von "Big Daddy" Helmuth Kohl, danach von einer Generation von Serienscheidungsvätern (Fischer/Schröder) bestimmt, seit der Bundestagswahl regiert das prototypische Gespann "alleinerziehende Übermutter und schwuler Sohn", versinnbildlicht im Duo Merkel/Westerwelle (variiert im Doppel von der Leyen/Rösler). Angesichts dieser fortschreitenden Anzeichen ihrer nahenden Abwrackung schleppen sich unsere Männer jeden Morgen als schwanzlose Laptoplurche in von der kreativen Zerstörung ausgebombte Zeitungs- uns Zeitschriftenverlage, wo sie zusammen mit anderen kreativen Blattmachern "lustige Wappen" (S.62ff) sticken, die sie sich mangels Anerkennung als textile Orden auf ihre Louis-Vuitton-Aktentaschen (1720 Euro) pappen. Stickarbeiten als letzte Buße vor dem Abstieg in die Hartz IV Hölle? Auch das ist Business Punk.

Nachtwanderung mit Spesenkonto
Am lächerlichsten sind die "Heldengeschichten (S.55)" von Horst von Buttlar und Nikolaus Röttger, die in einer 24h-Reportage das Geheimnis von 24h-Arbeitern ergründen wollen. Atemlos infantil wie 7-Jährige, die von ihrer ersten Nachtwanderung erzählen, heißt es auf Seite 55: "Wir haben es geschafft! Allein dieser Satz lässt die Finger auf der Laptoptastatur erbeben." Obwohl dafür auch drei Tässchen Schümli-Kaffee aus der Kantine gereicht hätten, werfen sich diese beiden Insassen der schönen alten Printwelt auf ihren ergonomischen Drehstühlen noch einmal so richtig in Pose, bevor sie mit der Reisekostenabrechnung beginnen und danach beim Stammessen 2 das vorgezogene Wochenende einläuten.

Schimären und Printsimulationen

Meine Unternehmerfreunde und selbständigen Kollegen haben wie ich auch nicht nur in der Wirtschaftskrise desöfteren 24h und mehr durchgearbeitet (übrigens auch schon einmal für G+J, als es dort zu Zeiten der New Economy noch echte Businesspunks gab), allerdings nicht um in einer Printsimulation anderen festangestellten Bürohengsten das "Victory-Zeichen" entgegen zu schleudern, und dann auszurechen, wie viel bezahlte Überstunden das jetzt macht, sondern um Dinge, auf die wirklich jemand wartete, fertig zu kriegen. Dabei hatten wir allerdings weder Louis Vuitton Laptoptaschen noch Nivea for Men dabei und deshalb werden wir es auch nie zu Business Punks bringen. Irgendwie tröstlich. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass der Business Punk in Deutschland ohnehin eine Schimäre ist, denn in der Liste "20 berühmte Business Punks" (S. 30f) finden sich lediglich zwei Deutsche und einer davon ist Chef beim RWE (!).


Fazit: No Future
Was uns brandeins in der typischen Sendung-mit-der-Maus-Diktion für Intellektuelle immer wieder einhämmert: Trotz Zwangsmitgliedschaften in der Berufs- und Verwaltungsgenossenschaft und der Handelskammer gelingt es einigen Unternehmern auch in einig Jammerland ein paar Dinge auf die Reihe zu bringen; bei Business Punk mutieren diese zu Adiletten tragenden Fruchtzwergen im Dienste konsumistischer Ersatzhandlungen. Entgegen den Beteuerungen der Redaktion steht das Punk in Business Punk nicht für eine innere Haltung, sondern dafür mit ausgelutschten Klischees noch den ein oder anderen Design-Business-Suit mehr zu verkaufen (und gleicht darin der zur langweiligen Masche degenerierten Ästhetik abgewrackter Rentnerpunks wie Vivienne Westwood). Wenn Business Punk etwas von Punk hat, dann vom Spätpunk der Band Sigue Sigue Sputnik, die 1986 die Pausen zwischen den einzelnen Songspuren ihres Albums "Flaunt it" als Werbeblöcke u.a. für Studio Line von L'Oreal versteigerten.

Quellen:
- Business Punk. Hamburg 2009.
- Sigfried Krakauer: Die Angestellten. Frankfurter Zeitung. 1929
- Wikipedia.de
- Wikipedia.de

Thursday, July 30, 2009

So kommen wir durch die Werbekrise



Wir wissen nicht, wie viel Hyundai sich diese Explosion an interaktiver Kreativität bzw. kreativer Interaktivität hat kosten lassen. Die Anzeige oben erschien im UniSpiegel (spiegel.de) fast schon schamhaft versteckt in der rechten Spalte ganz unten. So erreicht man Zielgruppen wie mich, die nicht nach der Bilderstrecke (Ukrainische Studentinnen in Bikinis protestieren gegen Prostitution) in der Mitte aussteigen. Die Machart des interaktiven Flash-(!)Banners verheißt nichts Gutes über das Bild, das unsere Studenten bei dem erfolgreichen südkoreanischen Industriegiganten abgeben. Allein die Frage "Findest du deine Uni schön?" Ein Ursatz der interaktiven Werbesemantik, den sich jede kreative InteractionCrossmediaSocialWeb2.0-Agentur jetzt schon ins GoogleDoc-Poesiealbum des 21.Jahrhundert schreiben sollte, weil diese Frage, leicht abgewandelt, für breitbandigste Bestrahlung ja tiefenintensivste Penetration breitest fokussierter Zielnischen eingesetzt werden kann. Z.B. "Findest du deine Uni noch?" (Absolut Vodka), "Findest du dein Konto noch?" (Lehman Bros.), "Findest du dicke Melonen gut?" (Monsanto), "Findest du deine Muschi noch?" (Gilette).

Auch die Machart der grafischen Gestaltung (lässig schiefes Einkopieren des winzigen Produktbildes, verschmierte Komprimierung) deutet an, dass die Werber bei dem schönen deutschen Wort Augenmaß mittlerweile weniger den Oldschool-Blick für saubere Umsetzung erwarten als eher ein 5-Pixel-gerade-sein-Lassen alkopopverquollener Feierstudies.

Und dann, besonderes Zugeständnis an die Konsenzkultur unseres Landes und den neuen Trend im Internet meinungstark auf die Komplexität unserer Gesellschaft zu reagieren und dabei auch unter Wahrung des verschärften Datenschutzes an einer tollen Verlosung teilzunehmen, dann also ein Feuerwerk der Interaktivität, für das man den Flashplayer 10.0 nicht nur in seinem Browser, sondern auch in seinem Hirn installieren sollte: Die Auswahlmöglichkeiten "Ja" "Nein" und "k.A". "k.A" wie "keine Angaben", "keine Ahnung" oder "kannste Anklicken"? Wahrscheinlich alles zusammen.

Tuesday, July 14, 2009

Keyword-Porn bei welt.de



Betriebsunfall oder Erfolgsgeheimnis? Ausgerechnet in die Debatte über das Verhältnis von Zeitung und Internet, geführt auf www.welt.de, mischt sich die fünfte Gewalt in Gestalt des GoogleBots ein und schafft mal wieder groteske Fakten. Ob da welt.de Vize Romanus Otte mit "What would Google Do" unter dem Kopfkissen geschlafen hat oder einfach eine knackige Headline formulieren wollte, dem Adsense Roboter ist das egal. Wenn er die Headline "Offene Dreierbeziehung" liest, und im Artikel auch noch die Rede von der Liebe ist (wenn auch nur fetischhaft zur Zeitung), weiß er, was zu tun ist. Gelenkt durch künstliche, sprich kommerzielle Intelligenz mischt er schnell noch ein paar holprige Ads zur Partnersuche unter. Im Sprachamalgam aus zeilensparenden Verwertungszwängen und klickheischendem Rütlideutsch liest sich das dann wie die Betriebsanleitung für einen schwulen Terminator: "Mann verliebt machen. A-Z".



Das ist nicht neu. Es soll ja schon bei Nachrichten über Messerstechereien für Kampfmesser geworben worden sein. Wenn man allderdings den äußerst intelligenten Kommentar im so genannten Content-Ad (also mitten im Text) liest, wo von fachgerechter Grundwasserabsenkung die Rede ist, könnte man schon eine höhere Intelligenz vermuten, die uns schmunzeln macht. Betrachtet man das Panoptikum aus Kader Loth, Bilderstrecken mit Fake-Lebensmitteln und Nackten am Strand, das um Ottes Artikel herumgarniert ist, und mit dem der engagierte Onlinejournalismus heutzutage seine Klickzahlen aufbessert, kann man durchaus begeistert sein von dem überaus schönen und treffenden Bild einer geistigen Grundwasserabsenkung.



Aber damit noch nicht genug. In den Genstrang, mit deren Hilfe die gute alte Tageszeitung zur turbogeilen Klicksau mutiert, pflanzen die ivw-Farmer von welt.de noch ein paar Wachstumsgene aus dem Jurrasic Park von freenet und AOL ein. Dort hatte man schon 2001, völlig unbelastet durch sogenannten Qualitätsjournalismus, festgestellt, dass durch die Vorbelegung von Suchfeldern mit Suchbegriffen ein durch Reizbombardement und im Kreis verlinkte Bilderstrecken rückenmarksgeschwächter User vom Leser zum absolut willenlosen Klickgaranten umgepolt werden kann.


Online-Erfolgsgeheimnis: Offene Dreierbeziehung aus Premium Marke, Klowänden des Internets und Pornobox


Wir erinnern uns (trotz ADHS und Twitteritis), die Headline des welt.de-Artikels, um den es hier geht, war "Offene Dreibeziehung". Der Verwertungslogik der welt.de folgend wird passender Weise das Wort "porno" in die Suchbox im Header eingesetzt. Klar, während der schwule Terminator noch im 30S.-Gratis-Report "Mann verliebt machen. A-Z" nachliest, wie er diesen süßen CIA-Mann gefügig macht, soll sein Pendant aus Fleisch und Blut noch auf ein paar schmutzige Klicks bei der Stange bleiben. Da wir uns nicht vorstellen können, dass hier feinsinnige Germanisten wie Mathias Döpfner bei der verbalen Verdrahtung der Pornobox Hand anlegen, müssen wir diesen Einwurf wohl als weiteren googlebottigen Kommentar aus der Welt der Inferenzmaschinen deuten, der Online-Journalisten ermahnen will, sich bei aller Krisenhaftigkeit der Situation nicht noch weiter zu prostituieren. Vielleicht werden ja eines Tages, wenn die künstliche Intelligenz die menschliche überholt hat (und das bestimmt nicht, weil die Computer immer schlauer werden), vielleicht wird dann das Contentverwurstungssystem bei Welt und Co. eines Morgens ausgeben: "I'm sorry Dave, I'm afraid I can't do that."



Der besagte Artikel findet sich unter: Offene Dreierbeziehung

Monday, June 22, 2009

Gelungenes Marketing aus dem Land der Ideen nach Produkttests für Zensursula



Nach dem Scheitern der eigenen Handysparte und darauffolgenden Jahren des Hohns ("Der Elektroladen mit angeschlossener Bank") hat Siemens endlich wieder zurückgefunden zu Produkten, die die Welt auch braucht. Das gemeinsame Joint Venture mit Nokia: Nokia Siemens Networks (NSN) installierte im Jahre 2008 den letzten Teil der Telefoninfrastuktur im Iran, inklusive der für Zensur und Ausspähung unerlässlichen Deep Packet Inspection. Das bestätigte heute ein Sprecher von NSN dem Wallstreet Journal.

Ob für die Erlangung des Auftrages wie sonst üblich Schmiergelder gezahlt wurden, oder in diesem Falle die Produktqualität einfach überzeugte, wird sich noch heraustellen. In der Marketingabteilung von Siemens jedenfalls will man jetzt offenbar die Aufmerksamkeit, die die Grüne Revolution im Iran weltweit erfährt, auch für andere Produkte aus dem Hause nutzen. Zum Beispiel durch Online-Werbung für diesen Nahverkehrszug, der für die Zusammenziehung von Truppen oder auch den Abtransport von Aufständischen prima geeignet sein soll. (Anzeige gesehen auf Spiegel.de, etwa 8 cm unter den Berichten über die Proteste im Iran).

Thursday, April 23, 2009

Angriff der Gnomfrauen - Symptome des Krisenjournalismus

Zu all den Problemen, die uns die momentane Krise beschert - Zeitungssterben, das Ende des Qualitätsjournalismus und die Googlesierung des menschlichen Hirns bei Onlineredakteuren jetzt auch das noch: Unsere Frauen schrumpfen.

Erst komplexe Multimedia-Flash-Präsentationen (wie hier bei stern.de) decken erschreckende im Zahlendickicht verborgene Wahrheiten auf

Unsere Frauen schrumpfen
Das hat das Widget-Applet-Powerpicture-Multiflashjava-2.0-Medium Stern.de jetzt in Fortsetzung des investigativen Springbreak-Journalismus von Spiegel.de herausgefunden. Bzw. das ist das brandheiße Ergebnis der Studie "SizeGermany". Auftraggeber/Durchführende der Studie werden nicht genannt. Wozu auch, denkt man im ersten Augenblick. Um triviale Erkenntnisse zu erlangen, wie die, dass die Deutschen immer größer und immer dicker werden, genügt ein Blick aus dem Raumschiff G+J auf die Landungsbrücken oder ein Gang zur Eisdiele an der Ecke. Aber da sieht man mal, wie man sich täuschen kann, und dass objektive "Reihenvermessungen an mehr als 13.000 Männern, Frauen und Kinder(n)", wie sie sich heute nur topinvestigative Medien leisten können, doch das ein oder andere unbemerkte, ja beängstigende Ergebnis zu Tage fördern. Wie z.B. dass unsere Nachwuchsjournalistinnen zwischen 14 und 25 Jahren kaum noch über die Kante des Redaktionstisches gucken können (siehe Schaubild). Der bei Fortsetzung dieses Trends zu befürchtende Mangel an einsatzfähigen Praktikantinnen wird wohl dazu führen, dass Fleißarbeiten und journalistische Basistugenden wie Faktenrecherche und Plausibilitätschecks auch in Zukunft eine Domäne großer, kräftiger Männer (Hallo Stefan Niggemeier) bleiben wird.

Unsere Töchter werden es bald selbst merken und sich dann gegenseitig ins virtuelle Poesiealbum twittern: "Wir sind Zwerginnen, aber wir stehen auf den Schultern von Gigantinnen."